Vegane Wolle??
- kasara-garnideen
- 26. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Mal abgesehen davon, dass ich mich schon an anderer Stelle darüber aufgeregt habe, dass Leute von "Wolle" sprechen, wenn es gar keine Wolle ist und sie eigentlich "Garn" meinen ("Wolle" aus Acryl, "Wollreste" aus Baumwolle und ähnliches), geht es mir diesmal nicht um den Begriff, sondern darum, dass ich immer wieder lese, dass nach veganen Wollalternativen gesucht wird, von wegen Vermeidung von Tierleid und so.
Da möchte ich jetzt auch mal meinen Senf dazugeben. Ich seh das so: Ich selbst versuche so weit wie möglich, Lebensmittel zu vermeiden, die durch Tierleid entstanden sind, also Fleisch, Milchprodukte, Eier usw. Allerdings finde ich, dass die Natur nicht funktionieren würde, wenn nicht das eine Tier das andere fressen würde. Das ist nicht schön, aber wenn man den veganen Gedanken auf Tiere überträgt, kommt man schnell an Grenzen, das wissen wir spätestens seit dem Film "Madagaskar". Da lernt der Löwe Alex zwar, dass er statt des Zebras Marty lieber Fische frisst, aber aus Sicht von Nemo ("Findet Nemo") ist das auch keine gute Lösung. Das Problem am Konsum von tierischen Produkten ist daher für mich, dass wir die Tiere nicht mehr anständig behandeln, sondern sie auf unerträgliche Weise ausbeuten. Das ist für mich der Grund, warum ich möglichst vegan leben möchte. Jetzt ist es aber so, dass wir einige Tiere so gezüchtet haben, dass sie vor allem uns nützen. Hühner zum Beispiel legen viel mehr Eier als sie eigentlich bräuchten. Trotzdem finde ich, wenn jemand ein paar Hühner im Garten hat, die er gut versorgt, die genug Auslauf und Artgenossen haben und vor Füchsen geschützt sind, dass es dann legitim ist, dass er die Eier seiner Hühner isst. Die Sache mit den Bruderhähnen dagegen ist in meinen Augen Heuchelei: Da werden zwar nicht die süßen, kleinen Küken getötet, dafür aber die "jugendlichen" Hähne. Ist das besser??
Eigentlich wollte ich aber über Wolle reden. Also über Schafe. Da ist es so, dass sie auch in unserem Interesse gezüchtet wurden, so dass sie ihr Fell nicht mehr von alleine verlieren und wir es bequem auf einmal abmachen können, ohne die einzelnen Faserflocken aufsammeln zu müssen. Die Schafe sind also darauf angewiesen, dass jemand sie ein- bis zweimal im Jahr schert. Sie würden sonst unter ihrem ständig nachwachsenden Fell erheblich leiden. Man kennt das von Schafen, die mal irgendwann ausgebüxt sind und dann mit 25 Kilo Wolle am Leib gefunden werden. Das ist nicht schön!!
Und natürlich ist die Zucht der australischen Merinoschafe mit ihren endlosen Hautfalten ein totaler Mist. Das ist Qualzucht, die dann das so genannte Mulesing nötig macht, bei dem diese Hautfalten um den After herum weggeschnitten werden müssen, damit sich dort keine Maden einnisten, die das Schaf dann von innen auffressen würden. Auch grässlich! Aber davon mal abgesehen gibt es jede Menge Schafrassen, die, soweit ich das als Nichtschaf beurteilen kann, mit einem regelmäßig geschorenen Fell ganz gut leben können. Was also soll, wenn man den veganen Gedanken zu Ende denkt, aus diesen Schafen werden? Sie nicht zu scheren, ist keine Option. Die Wolle nicht zu verwenden und sie wegzuschmeißen, das haben wir ja schon und das finde ich ziemlich tragisch. Bliebe also nur, die Schafrassen, die man regelmäßig scheren muss, alle aussterben zu lassen. Echt jetzt??
Und dann stellt sich die Frage: Was wäre die Alternative? Fasern aus Plastik? Darüber müssen wir hoffentlich nicht diskutieren, sie sind nicht atmungsaktiv, nicht biologisch abbaubar, sind erdölbasiert und aufwändig in der Herstellung. Baumwolle? Ist im Anbau jetzt schon ein Problem und wärmt außerdem nicht. Leinen? Wäre zwar im Anbau nachhaltiger, wärmt aber noch weniger. Auch die ganzen Viskose-/Eiweißfasern, die ich für meine Faserproben getestet habe, fand ich als Alternative nicht überzeugend. Die Sache ist doch die: Kein Mensch kann eine Faser erfinden, die so viele positive Eigenschaften hat wie Wolle. Und zwar nicht nur die kuschelweiche Merinowolle, sondern auch die etwas robusteren Fasern. Das ist ein Geschenk der Natur, wenn man so will.
Mein Fazit aus diesen Überlegungen: Wir sollten die Tiere wieder als Partner begreifen, die wir versorgen, denen wir Sicherheit bieten und die uns im Gegenzug ihre Wolle überlassen. Das tut ihnen nicht weh, im Gegenteil, sie sind froh, wenn wir ihnen den "Mantel" ausziehen, wenn es Sommer wird. Und dazu gehört auch, dass wir aus ihrer Wolle was Gutes machen, das lange hält und wertgeschätzt wird.
Vielleicht sind wir inzwischen zu viele Menschen auf der Welt, als dass ein solcher Umgang mit unseren Mitgeschöpfen für alle funktionieren könnte. Dazu habe ich keine Zahlen. Klar ist auf jeden Fall, dass es mit unserem derzeitigen Überkonsum hinten und vorne nicht funktioniert. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir zumindest für mich: Ich muss wirklich genau schauen, wo meine Wolle herkommt, wie die Lebensbedingungen für die Schafe waren und ob ich ein gutes Gefühl dabei habe, diese Wolle zu verarbeiten. Eine Alternative, die wirklich funktioniert und ohne Wolle auskommt, sehe ich allerdings derzeit nicht.
